Publikation: Usability-Kurz-Prüfbericht27. Juni 2010

Wirschaffensnetagentur Wien

Plakat: "Ob Geschäftsmodell oder Innovation: Wir retten Ihre Idee." Plakat: "Ob Geschäftsmodell oder Innovation: Wir retten Ihre Idee."Die Wirtschaftsagentur Wien (ehemaliger WWFF) will mit der Plakat-Kampagne „Wir retten Ihre Idee“ innovative Unternehmer ansprechen und auf ihre Website www.wirtschaftsagentur.at locken.

Nur: Wer rettet die Web-Idee der Wirtschafts­agentur?

Startseite

Startseite Wir sind in die Rolle einer Unternehmerin mit einer guten Idee geschlüpft und wollen erfahren, was die Wirtschaftsagentur für uns tun kann.

Die erste Hürde auf der Homepage ist die graue Schrift auf schwarzem Hintergrund – das ist sehr schlecht lesbar und nicht unbedingt barriere­frei (gemäß Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz § 6. Abs. 5).

Auch bei konzentriertem Blick: Ein Hinweis auf die laufende Kampagne (Förderungen für Ideen) ist nirgends zu entdecken (weder grafisch noch textlich). Also gibt es für die Benutzer nur zwei Möglichkeiten:

1. Die Suche benützen

Lobenswert: Die Suche befindet sich gut sichtbar rechts oben. Aber: Die Suche nach „idee retten“ liefert keinen einzigen Treffer; der Begriff „idee“ eine lange Liste (insgesamt 26 Treffer, verteilt auf drei Seiten):

Suchergebnisse für "idee" Auch hier wieder das Problem der schlechten Lesbarkeit. Die ersten vier Treffer beziehen sich auf vergangene Veranstaltungen für GründerInnen. Auch die weiteren Ergebnisse führen auf den ersten Blick nicht zum Ziel. Also die andere Möglichkeit:

2. Menüpunkte durchschauen

Auf der Startseite stehen 10 Links, die in Frage kommen:

Nr. Linktitel: Eine Unternehmerin mit einer guten Produkt-Idee denkt sich:
1 Online einreichen Hier kann ich meine Idee direkt übermitteln, oder?
2 Finanzierung Bekomme ich hier Geld für meine Idee?
3 Service Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit einem Service-Gespräch?
4 Aktuelles Die Werbekampagne ist ja aktuell – vielleicht finde ich hier Details dazu?
5 förderberatung Klingt gut.
6 förderungen Her damit!
7 fördercockpit Ist das der Weg zu den Förderungen?
8 unternehmensfinanzierung Ja, brauche ich.
9 money4growth Verstehe ich zwar nicht genau, aber könnte passen.
10 frauenservice Vielleicht gibt es spezielle Ideen-Förderungen für mich als Frau?

Tatsächlich wägen die meisten Benutzer die einzelnen Links nicht so genau ab, sondern klicken einfach auf den „nächst besten“. Dieses Verhalten wird in der Psychologie als „Satisficing“ bezeichnet.

Der Begriff Satisficing

Die vom amerikanischen Ökonomen Herbert Simon geprägte Wortschöpfung „Satisficing“ (eine Kombination aus „satisfy“ und „suffice“) bezeichnet die Strategie, bei Entscheidungsprozessen nicht die bestmögliche aller Alternativen zu suchen („Maximizing“), sondern einfach die nächstbeste auszuwählen, die die Anforderungen halbwegs erfüllt. Öknomisch betrachtet, ist das durchaus sinnvoll: Wenn man nämlich in der Kalkulation mitberücksichtigt, dass die vollständige Abwägung sämtlicher Alternativen (inklusive der erforderlichen Informationsbeschaffung) einen erheblichen Aufwand darstellt, so ist es gesamtheitlich betrachtet oft günstiger, den Entscheidungsprozess abzukürzen (und dafür eine sub-optimale Entscheidung zu akzeptieren).
Im Web bedeutet das: Statt zuerst alle in Frage kommenden Links zu „sammeln“ und dann über ihre jeweilige Relevanz nachzudenken, klicken die meisten Benutzer den ersten Link an, von dem sie annehmen, dass er sie näher zum Ziel bringt.

Die in Frage kommenden Links im Einzelnen:

1. Online einreichen

Sicherheitswarnung: "Dieser Verbindung wird nicht vertraut" Für praktisch alle Normal-Benutzer ist hier Endstation: Sowohl in Firefox als auch in Internet Explorer erscheint eine abschreckende Sicherheits­warnung. Durchschnittliche Benutzer können (oder wollen) diese Hürde nicht überwinden.

2. Finanzierung

Hier tauchen wir tief in die interne Struktur der Wirschaftsagentur mit ihren verwandten Institutionen (Departure, Zentrum für Innovation und Technologie, Wiener Wachstumsfonds) ein. Konkrete Informationen zur Ideen-Rettung gibt es keine.
Positiv: Es wird eine Ansprechperson genannt, mit Direkt-Möglichkeit, um einen Termin zu vereinbaren.

3. Service

Hier steht ein langer Text, der nur scheinbar weiterhilft. Denn es werden zwar die einzelnen Leistungen der Wirtschaftsagentur allgemein erklärt, Konkretes ist aber nichts zu finden. Außerdem eine weitere Hürde: Die einzelnen Serviceleistungen sind im Text nicht direkt anklickbar, dafür erscheint links ein weiteres Navigationsmenü (wieder in grau).

4. Aktuelles

Die Seite "Aktuelles" ist leer. Unter „Aktuelles“ erscheint eine leere Seite. Es gibt nur einen Link „Zum Archiv“.

5–10. förderberatung & Co.

Seite "Förderberatung" Die Links „förderberatung“, „förderungen“ & Co. sind nicht in der eigentlichen Navigation zu finden, sondern unter der Rubrik „Top Themen“. Sie helfen aber auch nicht weiter. Alle diese Seiten sind identisch aufgebaut: Eine Liste mit Themen-Überschriften, plus jeweils einem Link „Zum Beitrag“. Auch hier also keine nennenswerten Informationen.

Fazit

Die Website der Wirtschaftsagentur Wien hat viele Schwächen. Den Interessierten (auch durch die Kampagne) wird auf den ersten Blick nicht klar vermittelt, was die Wirtschaftsagentur konkret für sie tun kann. Außerdem bleibt unklar, was Unternehmer tatsächlich tun sollen: Anrufen? Online einreichen? Termin ausmachen? Ein Mail schreiben? Auch andere – zum Teil schwere – Usability-Fehler (z.B. die unlogische Navigation) werden für die Benutzer zum Zeiträuber.

Unterm Strich: Wer nicht schon im Vorhinein sehr genau weiß, wie die Wirtschaftsagentur tickt, und ihre internen Strukturen kennt, kann sich den Besuch der Website ersparen und sollte lieber zum Telefonhörer greifen …