Zweckmäßig und klar sollen die Dinge sein – das wollen wir im Webdesign vermitteln. Die Grundidee entstand vor 90 Jahren.

Dessau, 1928, in einer der legendären Bauhaus-Werkstätten. „Formmeister“ Josef Albers betritt den Raum mit einem Bündel Zeitungen unter seinem Arm und verteilt sie unter den Studenten. „Meine Damen und Herrn,“ beginnt er, „ich möchte, dass Sie aus den Zeitungen mehr machen, als sie jetzt sind. Respektieren Sie das Material, gestalten Sie es sinnvoll und berücksichtigen Sie die Eigenheiten.“ Dann geht er wieder.

Stunden später kommt er zurück und lässt die Ergebnisse auf dem Boden ausbreiten. Die Studenten präsentieren stolz kleine Meisterwerke: prächtige Masken, Boote, Flugzeuge, Tiere und sogar ganze Schlösser. Der Professor schüttelt nur den Kopf und sagt: „Kindergartenkram“. Dann zeigt er auf ein äußerst einfaches Gebilde. Der junge ungarische Architekt hat nichts anderes getan, als die Zeitung längs zu falten, so dass sie aufrecht steht. Josef Albers lobt, wie gut er das Material begriffen hat. Jetzt, wo das Papier aufrecht stehe, sei es beidseitig visuell aktiv geworden. Es hat dadurch sein langweiliges Äußeres, sein müdes Aussehen verloren. Die Studenten haben begonnen zu verstehen.
Das war vor gut 80 Jahren in einem Vorkurs zur Aufnahme im legendären Bauhaus („Zweckmäßig und klar sollen die Dinge sein.“). Diese Art zu denken hat unsere Zeit geprägt – und inspiriert noch immer. So gilt die kurze Epoche des Bauhaus (1919–1933) als Wiege der Usability-Forschung, und damit als Grundstein der Web-Usability.
Zweckmäßig und klar – genau das wollen wir auch im Webdesign vermitteln. Eine Internetseite muss so gestaltet sein, dass sich alle auf Anhieb leicht zurechtfinden. Das ist es, was wir mit Usability meinen.
Um eine Website benutzerfreundlich zu machen, muss man in die Tiefe gehen: Was wollen die Besucher? Wie können sie es auf dem schnellsten Weg bekommen? Wie kann ich sie zu mehr motivieren?
Erst wenn die grundsätzlichen Fragen beantwortet sind, kann eine gute Website entstehen. Wir sehen uns deshalb in erster Linie als Strategie-Berater und erst dann als Designer oder Usability-Tester. Denn viele, die von Usability reden, meinen eigentlich etwas Anderes: Prüfen. Möglichst oft, möglichst genau, möglichst objektiv. Nur: In einem Test-Labor können lediglich Detailfragen untersucht werden: Wie lange braucht ein Benutzer, um drei vorgegebene Artikel zu bestellen? Schaffen es 80% der Versuchspersonen, sich innerhalb von zwei Minuten zu registrieren?
Die wichtigen Fragen werden dabei aber kaum gestellt: Würden die Kunden hier auch etwas kaufen, wenn sie es tatsächlich bezahlen müssten? Sehen sie alle Informationen, die sie für eine echte Kaufentscheidung brauchen? Fühlen sie sich überhaupt wohl? Als Ergebnis bekommen die Auftraggeber eine genaue Auflistung der Probleme, die im Labor-Test aufgetreten sind. Und dann?
Wir reden nicht von Prüfen, wir reden von Gestalten. Oder anders gesagt:
Wir liefern keine Mängelliste, sondern Lösungen.
Warum trotzdem so viel im Labor getestet wird, ist vor allem historisch erklärbar. In den 1980er Jahren waren die wenigen (teuren) Computer den Spezialisten vorbehalten: Steuerberater, Ärzte, Fluglotsen usw. Daher wurde vor allem Spezial-Software programmiert. Der Haken an der Sache: Die Programmierer wussten nicht viel vom wirklichen Leben eines Steuerberaters. Dementsprechend „user-friendly“ war die Software dann auch…
Die Usability-Experten von damals machten genau das Richtige: Sie setzten „echte“ Steuerberater in ein Labor und beobachteten sie bei der Verwendung der Software. Die auftretenden Probleme wurden wissenschaftlich aufgezeichnet und den Programmierern in Form von Mängellisten übergeben.
Daraus entwickelte sich bald das Credo der gesamten Usability-Forschungsgemeinde: Das einzig Wahre ist Testen mit echten Benutzern. Das stimmt schon. Nur im Web läuft’s nicht so einfach. Denn Webseiten werden nicht nur von „Spezialisten“ besucht, sondern von vielen. So zieht palmers.at nicht nur Frauen auf der Suche nach Dessous an, sondern auch Investoren; auf orange.at surfen nicht nur jugendliche Handybesitzer, sondern auch Jobbewerber; bei der Sammlung Leopold schauen nicht nur Kunstinteressierte vorbei, sondern auch Journalisten.
Wenn klassische Marktforscher auf die vielen verschiedenen Besuchergruppen hinweisen wollen, klingt das ungefähr so: 72% leben im Osten Österreichs (verbleiben 28% im Westen), 67% sind zwischen 20 und 49 Jahren alt (also 33% älter oder jünger), 81% leben in der Stadt (ergibt 19% am Land).
Damit wird klar: Das klassische Zielgruppendenken hat im Web nichts verloren. Weiter gedacht, fällt auch ein anderes Paradigma: die ausschließliche Orientierung auf den Kunden („Customer-Relationship-Management“). Denn Kunden sind wichtig, aber eben nicht alles. Wir denken mehr nach dem Prinzip des Stakeholder-Relationship-Managements (SRM) und sehen bei der Website-Planung auch die Anliegen von Kapitalgebern, Lieferanten, Kooperationspartnern, Sympathisanten usw.
Aber wir wollen uns nicht hinter Schlagwörtern verstecken: Wir wollen den Hausverstand ins Web bringen. Und einen wichtigen Gestaltungsleitsatz des Bauhaus vermitteln: Die Form folgt der Funktion.
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